Zauber des verführerischen Tanzes der Dreißiger Jahre

Quelle: Reutlinger Nachrichten (Jürgen Spiess)

Rasante Musette-Walzer, schwungvolle Tangos: Mehr als 250 Besucher fanden sich im Tübinger Sudhaus ein, um einer ungewöhnlichen Veranstaltung beizuwohnen. Das »Orchestre Musette Café de Paris« spielte zum Tanz auf, und das soziokulturelle Zentrum verwandelte sich in eine Pariser Tanzhalle.

In Windeseile hat der Tango zu Beginn des vorigen Jahrhunderts das alte Europa erobert. Wie eine Epidemie breitete sich das Tango-Fieber aus in den großen Städten, infizierte die Massen in Berlin, Helsinki und Paris.
Selbst seriöse Komponisten wie Boris Blacher wurden von dem Virus angesteckt und haben den so schnell populär gewordenen Tanz in ihren Kompositionen aufgegriffen. Nach Deutschland schwappte die letzte Tango-Welle zu Beginn der 80er Jahre. Nicht zuletzt das Medium Film entdeckte den Reiz der engen Umarmung beim Tangotanzen. Bis heute hat die Begeisterung für den argentinischen Tanz angehalten und lockt die Fans in Konzerte und auf den Tanzboden.

Klar, dass es auch beim Tango-Abend mit dem Tübinger Ensemble »Café de Paris« kaum noch einen freien Platz auf der Tanzfläche gibt.

Von Beginn an zieht das Publikum zur viel beschworenen Sinnlichkeit des Tango seine Kreise. Dazu spielen Christian Ther (Akkordeon), Volker Kaulartz (Klarinette), Patrick Hipp (Klavier), Joachim Norz (Gitarre), Chris Linder (Kontrabass) und Frank Stoeger (Schlagzeug) mit dieser merkwürdigen Mischung aus seeliger Virtuosität und selbstvergessener Ekstase und verschaffen sich alsbald den Zutritt zu den Seelen der Zuhörer.

Die sechs Musiker agieren mit einer filigranen, ja zuweilen gar nüchternen Perfektion, die nur ab und an vom jähen Aufseufzen des Akkordeons unterbrochen wird oder vom süßen Locken der Klarinette.

Ganz wichtig ist im klassischen Tango die Stimme. Der Pariser Tanzhallen-Tango der 30er bis 50er Jahre kommt indes ohne sie aus. Allenfalls die Geige von Gastmusiker Bernhard Mohl erinnert lautmalerisch an den Gesang.
Nicht verzichtet hat das Tübinger Ensemble auf das Akkordeon, jene Ziehharmonika, die dem Vorläufer des Tango, der Milonga, den fortan für die Tanzmusik so charakteristischen Schwung gab. Bandleader Christian Ther spielt das Akkordeon mit viel Atem, scharf, rhythmisch akzentuiert. Im Takt zucken dabei die Schultern des Musikers.

Es ist schon beeindruckend, mit welchem Einfühlungsvermögen vor allem er und der Klarinettist zu Werke gehen und wie sich diese emotional gefärbte Melancholie aufs Publikum überträgt.

Dabei spielt das »Orchestre Musette Café de Paris« beileibe nicht nur Tango, Valse Musette, Boléro, Baion, Samba und Walzer haben sie ebenso im Programm. Das Ensemble liebäugelt mit der Musik des »Swinging Paris« der 30er Jahre und verwandelt das Sudhaus alsbald in eine Tanzhalle rund um die Place de la Bastille, in denen damals die Nächte durchgetanzt wurden.
Stücke von Loulou Legrand, Gus Viseur, Jo Privat und Tony Murena erklingen, alles während der 30er Jahre bekannte Interpreten der Pariser Tango-Szene. Elemente aus Jazz und Zigeunerswing fügt das Orchester ebenfalls in die Tradition, erinnert an die Habanera, aus der sich einst der Tango entwickelt hat, und widersteht allen Versuchungen, ihr Programm mit populären Tangoschlagern aufzulockern.

Das Sextett entlockt seinen Instrumenten vor allem beim »Tango Immobile« und »Mambo Italiano« feinste Ton- und Dynamiknuancen.

Mit viel Verve vereint das »Orchestre Musette Café de Paris« klassisches Konzertieren mit fesselnder Melancholie, artikulatorische Feinheiten mit derbem Spielwitz, Altbewährtes mit neuen Tango- und Musette-Interpretationen. Bleibt zu hoffen, dass es im Sudhaus zukünftig mehr von solch anspruchsvollen und zum Tanzen animierenden Konzerten zu hören gibt.